Vier Erinnerungen – ein multinationales Ausstellungsprojekt
Himmelweit gleich? ist ein Beitrag zur Würdigung der Revolutionen, die 1989 keineswegs nur in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, sondern in ganz Europa, ja weltweit, die Tür zu einer neuen Epoche aufstießen. Vom Start an waren sich alle Beteiligten einig, dass sich das Projekt nicht darauf beschränken sollte, im vielstimmigen Gedenkjahr 2009 einmal mehr eine kurze Geschichte der Umbrüche der Jahre 1989/1990 zu erzählen. Vielmehr stand das Ziel im Vordergrund, dem Wandel in den beteiligten Städten und Ländern von den achtziger Jahren bis in unser Jahrzehnt anhand ausgewählter Themen nachzuspüren. In den Blick genommen wurden damit Transformationsprozesse von den Diktaturen des späten Sozialismus bis in die Demokratien der Gegenwart, wobei stets die Frage nach der Bedeutung der Umbrüche für den langfristigen Wandel besondere Bedeutung hatte.
Dabei nahm sich das Projekt die Freiheit, diesen Wandel dezidiert aus der Perspektive der jungen Generation darzustellen, die weder den Alltag im Sozialismus noch den Prozess der Überwindung der sozialistischen Parteiregime selbst bewusst miterlebt hat. Zweitens stellte es mit Ausstellungen im polnischen Wroclaw, im tschechischen Prag, im slowakischen Bratislava und im deutschen Dresden den vielerorts anzutreffenden nationalstaatlich fokussierten Jubiläen eine multinationale Sicht an die Seite. Die Beschäftigung mit der Friedlichen Revolution in den jeweiligen Städten wurde stets ergänzt durch den Blick über den Zaun zum Nachbarn, die scheinbar selbstverständliche Sicht auf die eigene Vergangenheit wurde produktiv in Frage gestellt durch die Auseinandersetzung mit den Geschichten der anderen.
Wie schnell klar wurde, hatte sich Himmelweit gleich? eine sehr anspruchsvolle Agenda gesetzt. Das betraf sowohl die Themendefinition und die Recherchen als auch die Aufbereitung der Ergebnisse im Medium Ausstellung. Der Zeitrahmen war mit 10 Monaten Vorbereitungszeit zudem extrem ambitioniert. Und das alles wollten Studierende neben Seminaren, Vorlesungen und Prüfungen schaffen, unter Anleitung von Mentoren, die selbst alle noch anderen Tätigkeiten nachgingen. Nicht wenige Ausstellungsprofis, mit denen wir im Zuge der Arbeiten sprachen, zogen nicht nur skeptisch die Augenbrauen hoch, sondern sahen trotz allen Wohlwollens die Erfolgschancen ziemlich kritisch. Es ist eine große Leistung der Städteteams und der Himmelweitkoordinatoren, dass es unter diesen Umständen gelang, das Projekt wie geplant im Herbst 2009 mit vier Ausstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.
I.
Wenngleich meine Funktion als wissenschaftlicher Leiter konzipiert war, herrschte Einigkeit unter allen Beteiligten, dass sich das Projekt nicht als wissenschaftliches Vorhaben verstand, das primär auf neue Forschungsergebnisse zielte, sondern vorrangig historisch fundierte eigenständige Perspektiven entwickeln wollte. Dementsprechend ging es in der praktischen Arbeit um Ratschläge in einer Vielzahl von praktischen Fragen, um Beratung bei der Auswahl und Strukturierung der Themen, um Ideen und Impulse für teaminterne und für projektweite Diskussionen und um die Koordination und Moderation der länderübergreifenden inhaltlichen Kooperation.
Im Zentrum einer Vielzahl von Gesprächen mit den Stadtgruppen und mit Einzelnen standen Unterstützung bei der Themenfindung, Feedback auf konzeptionelle Überlegungen oder Informationen über Leistungsfähigkeit und Probleme von Methoden wie etwa Oral History - alle Teams führten Interviews mit Zeitzeugen. Immer wieder tauchte die Frage auf, wie Arbeitsergebnisse im historischen Umfeld verortet und aufbereitet werden können. War an einer Stelle Ermunterung für eine mutige Lösung von schwierigen Problemen angebracht, so schien es an anderer Stelle wiederum nötig, manche Gedankenflüge zu erden und mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu vermitteln. Für dieses »Consulting« in praktischen Fragen stand am Rande unserer dreitägigen Workshops und bei direkten Gesprächen mit den einzelnen Teams nur relativ wenig Zeit zur Verfügung. Besonders am Herzen lag mir daher, die Diskussion der Mentoren und Studierenden in den Stadtgruppen selbst anzustoßen und Impulse für die Intensivierung des Austauschs untereinander zu geben. Es zeigte sich, dass sowohl das Konzept der Stadtausstellungen insgesamt als auch die einzelnen Ausstellungsthemen von einer intensiveren Auseinandersetzung in den Gruppen ganz entscheidend profitierten. Das dabei in allen Städten entstandene, aber unterschiedlich ausgeprägte »Wir-Gefühl« war nicht nur produktiv, sondern half auch manchem in den »Mühen der Ebenen « bei der Bearbeitung des eigenen Themas. Dieser Teamgeist war ganz entscheidend dafür, dass alle Gruppen die heiße Phase der Ausstellungsproduktion bis zum arbeitsintensiven Aufbau der Expositionen meisterten.
Das für die meisten Beteiligten neue Medium »Ausstellung« mit seinen spezifischen Anforderungen war dabei eine anfangs unterschätzte Herausforderung. Wegen unterschiedlicher Orte, Themen und Eröffnungszeitpunkte der vier Ausstellungen ließen sich diese spezifischen Probleme nicht nach einheitlichem Muster in den Griff bekommen, sondern erforderten lokale Lösungen. Hier war die fachliche Unterstützung durch Designer und erfahrene Ausstellungsgestalter in den einzelnen Städten ein ganz wichtiger Schritt, der manche Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Zugleich setzten die kreativen Gestaltungsvorschläge, die erkennen ließen, in welchem Rahmen die Arbeit präsentiert werden würde, bei den Teams für die Endphase noch einmal zusätzliche Energien frei. In unterschiedlicher Gewichtung kombinierten alle Ausstellungen, Dokumentationen und Informations- bzw. Interpretationsangebote mit bewusst emotionalisierenden Elementen und Ausdrucksformen bis hin zu Aufsehen erregenden oder provokanten Objekten.
II.
Die Diskussionen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Umbrüche in den beteiligten Ländern und über den Charakter der längerfristigen Transformationsprozesse waren einer der spannendsten und auch produktivsten Teile der grenzüberschreitenden Kooperation. Eine zunächst spürbare Zurückhaltung, im großen Kreis in Fremdsprachen zu diskutieren, verschwand im Lauf der Projektarbeit.
In den Debatten über ein Konzept oder einen erkenntnisleitenden Begriff zur Charakterisierung der Entwicklung in den beteiligten Ländern zeigten sich zunächst unterhalb des Konzepts »Transformation« durchaus Schwierigkeiten sowohl bei der Bezeichnung der Vorgeschichte in den achtziger Jahren, bei der Annäherung an den Umbruch, als auch bei der Charakterisierung des Ergebnisses der Transformation, beispielsweise bei der Frage, wie denn die Revolution in den einzelnen Ländern zu charakterisieren sei: Aus polnischer Sicht war es anfangs erklärungsbedürftig, warum etwa die deutsche Seite die späten achtziger Jahre der SED-Diktatur vor allem als eine Phase der Erstarrung zeichnete und die Jahre 1989/1990 als Zeit des sehr schnell erwachenden Bürgermutes und des rasanten politischen Wandels hervorhob. Umgekehrt musste die polnischen Seite wiederholt deutlich machen, dass die Revolution in Polen ein weitaus länger dauernder Prozess als in der DDR und der CSSR war, die ihren Ausgangspunkt bereits 1980 mit der Gründung von Solidarnosc hatte. Und für die deutschen Beteiligten war es auch ein Erkenntnisgewinn, dass im sozialistischen Polen die Umwälzung zudem nicht primär von mangelnder Reisefreiheit und Demokratiedefiziten ausging, sondern auch von - verglichen mit der DDR - weit größeren Mängeln etwa bei der Lebensmittelversorgung oder beim Wohnraumangebot. Immer wieder trat in den Diskussionen die deutsche Sondersituation hervor: Durch die Vereinigung beider deutscher Staaten nach der Friedlichen Revolution erreichte die Bevölkerung der ehemaligen DDR eine im ostmitteleuropäischen Vergleich auffällige politische und institutionelle Stabilität einschließlich eines hohen Maßes an Rechtssicherheit sowie einer relativ stabilen ökonomischen Perspektive. An der Bewertung der Umbrüche und am Umgang mit den Eliten der sozialistischen Regime entzünden sich in Polen, Tschechien und der Slowakei zudem in der Gegenwart weit mehr Konflikte als in Deutschland. Da war es wiederum manchem Diskussionsteilnehmer nur schwer verständlich, dass bei der gründlichen »Aufarbeitung« der Vergangenheit in Deutschland der ehemalige Minister für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, nicht etwa wegen Taten in der DDR zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, sondern wegen eines Doppelmordes aus dem Jahr 1931.
Das Interesse an solchen vergleichenden Diskussionen wuchs mit dem Kenntnisstand der Teilnehmer und sprengte bald den dafür zur Verfügung stehenden Zeitrahmen. Es zeigte sich, dass Vorgeschichte, Revolution und Wirkungen in den vier Städten nur auf einer hohen Abstraktionsstufe auf gemeinsame Begriffe hätten gebracht werden können, die aber im Medium Ausstellung kaum umzusetzen gewesen wären. Diese in den Debatten implizit angestellten Vergleiche entfalteten ihren positiven Effekt aber auf besondere Weise. In den Diskussionen setzten sich die Teilnehmer nicht nur mit 1989 als europaweiter Bewegung auseinander und entwickelten ein Bewusstsein für die Unterschiede innerhalb des gemeinsamen Wandels. Wichtiger noch für das Projekt war, dass alle Beteiligten durch den Blick auf das andere mit geschärftem Auge für die Entwicklung im eigenen Land und in der eigenen Stadt schauten, sich eigener Positionen bewusst wurden und auch neue Perspektiven auf die eigenen Themen gewannen.
III.
Die inhaltlichen wie die formalen Schwerpunkte der vier Stadtausstellungen von Himmelweit gleich? waren sicher das Resultat des Zusammenwirkens ganz verschiedener Faktoren von persönlichen Interessen der Autoren bis hin zu den materiellen Ressourcen der Teams. Dennoch lässt sich jede dieser Ausstellungen in enge Beziehung setzen zu den nach 1989 in dem jeweiligen Land entstandenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Auch auf die Gefahr sehr großer Vereinfachung hin sei hier abschließend thesenhaft zumindest ein Schlaglicht auf solche Widerspiegelungen des Umfelds in den vier Stadtausstellungen geworfen.
Das Team in Bratislava setzte besonders auf mehrdeutige künstlerische Ausdrucksformen – ein »Piratenradio «, mit dem im öffentlichen Raum Sequenzen aus Interviews mit Zeitzeugen zu hören waren, und großformatige Objekte mit Text und Tabellen. Auf den ersten Blick scheint diese Interpretation empirischen Materials über den (Nicht)Wandel an der Universität Bratislava und die Kritik daran vor allem der beruflichen Orientierung der Autoren geschuldet. Es drängt sich aber geradezu die Frage auf, ob diese Form der Auseinandersetzung nicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass sich in der Slowakei 20 Jahre nach der Revolution eine Bürgergesellschaft noch im Aufbau befindet und es dementsprechend schwierig ist, Ansprechpartner und Publikum oder gar einen diskursiven Resonanzraum für argumentativ Formen der Auseinandersetzung mit 1989 zu finden.
In Dresden war zwar auch eine Installation zu sehen, insgesamt setzte diese Ausstellung aber vor allem auf Texte, Dokumente und illustrierende Fotografien, mit denen die Entwicklung in den einzelnen Themenfeldern seit den achtziger Jahren nachgezeichnet und interpretiert wurde. Bei aller Distanzierung von den Verhältnissen der SED-Diktatur und bei erkennbarer Wertschätzung für die Leistungen der Friedlichen Revolution und ohne erhobenen Zeigefinger zeigen die Autoren auch die Schwierigkeiten, die für einzelne Gruppen, wie etwa für ausländische Vertragsarbeiter mit unsicherem Rechtsstatus und Erwerbsgrundlage, nach 1989 entstanden. Dieser unaufgeregte und souveräne Umgang mit dem Thema, in dem aktuelle Defizite nicht als Verrat der Ideale der Friedlichen Revolution, sondern als Gestaltungsaufgabe erscheinen, wurde sicher mehr als begünstigt durch den Umstand, dass in Deutschland die positive Wertung von 1989 praktisch Konsens ist, ohne dass dies zu allgemeiner Mystifizierung und Heroisierung geführt hätte. Zudem brachte die Vereinigung Deutschlands sehr schnell stabile Strukturen und Rechtssicherheit und milderte die sozialen Folgen des Systemwechsels. All dies schuf ein vergleichsweise entspanntes Klima, in dem es möglich ist, auch auf Probleme hinzuweisen, die in der Folge des Umbruch entstanden.
Im Unterschied dazu entwarfen die Zugriffe der Ausstellung in Wroclaw gezielt und erfolgreich Gefühlswelten, denen sich die Besucher kaum entziehen konnten. Auch hier war die Hochachtung vor der historischen Leistung von Solidarnosc und vor der Umwälzung 1989 in der gesamten Ausstellung zu spüren. Auffällig war ebenfalls die besondere Betonung des befreienden und kreativen Aufbruchs der Jahre 1989/1990, etwa in der Kunstszene Wroclaws. Zumindest unterschwellig stand aber auch das Bedauern darüber im Raum, dass der Aufbruch keine entsprechende Fortsetzung erfuhr, dass seine Ideen teilweise auf der Strecke geblieben waren und dass aktuelle Zweckmäßigkeiten verwurzelte Kulturen verdrängten. Es spricht zumindest einiges dafür, hier Reflexe zu sehen - zum Beispiel auf die in Polen noch virulenten politischen Konflikte um die Bewertung von 1989 und auf die sozialen Ungleichheiten und Verwerfungen in der heutigen Gesellschaft, in der die Leichtigkeit des Aufbruchs verloren gegangen scheint.
Das Prager Team setzte mit seinem thematischen Fokus auf Biografien und Lebenswege von Personen, die aus unterschiedlichen Gründen unter den Verhältnissen der Diktaturen in der Tschechoslowakei und der DDR litten, einen atmosphärischen Kontrapunkt zum ausgelassenen Straßenfest in Prag am 17. November 2009, bei dem Zehntausende den 20. Jahrestag des Beginns der Samtenen Revolution feierten. Mit Installationen, teilweise im öffentlichen Raum, trug die Ausstellung selbst auch kreativ und stellenweise provokant zu dieser Leichtigkeit der Feierlichkeiten bei. Zugleich nahm sie mit der Konzentration auf die Schicksale und Selbstinterpretationen von Prager Emigranten eine Personengruppe in den Blick, deren Lebensverläufe nicht allein interessant waren, sondern oft auch menschlich berühren. Vor allem aber sind sie Beispiele für selbstbestimmtes Leben unter schwierigen äußeren Umständen, die möglicherweise auch Orientierungsangebote in einer als unübersichtlich und konfliktreich empfundenen gesellschaftlichen Gegenwart Tschechiens verstanden werden können.
Zusammen spiegelten die vier Ausstellungen die im Lauf der Arbeit im Projekt Himmelweit gleich? gewachsene Erfahrung der Ausstellungsmacher. Der Aufbruch von 1989 ist ein zentraler Umbruch der gemeinsamen Geschichte Europas mit enormer integrierender Wirkung. Im einzelnen aber haben diese Revolutionen ihre länderspezifischen Eigenheiten, die ebenso wenig übersehen werden können wie die Varianz der Pfade, auf denen sich die einzelnen Gesellschaften in Demokratie und Marktwirtschaft entwickeln..
Dr. Peter Skyba, Zeithistoriker und Publizist, war wissenschaftlicher Leiter des Gesamtprojektes und hat die Teams in Dresden, Prag, Wroclaw und Bratislava beraten.
- Himmelweit gleich? - Europa ´89
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- Zeittafel
- Vier Erinnerungen
- Der Umgang mit »1989« im vereinigten Deutschland
- Die historischen Jubiläen von 2009 im Spiegel der geschichtspolitischen Debatten in Polen
- Celebrations of the 20th anniversary of the Iron Curtain’s fall in the Czech Republic
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