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Die historischen Jubiläen von 2009 im Spiegel der geschichtspolitischen Debatten in Polen

Das Jahr 2009 stellte sowohl auf der europäischen als auch auf der polnischen Ebene etwas Besonderes dar. Wir hatten Gelegenheit, zwei sehr wichtige Jahrestage zu begehen, die beide, auf ihre eigene Art und Weise, die Geschichte unseres Landes und des Kontinents beeinflusst haben. Der erste Jahrestag war der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Die ersten Schüsse auf der Danziger Westerplatte bedeuteten den Beginn eines sechsjährigen Krieges. Er hat gezeigt, in welchem Ausmaß es zur Ermordung unschuldiger Zivilisten und Häftlinge sowie zu welch großer materiellen Verwüstung es kommen kann. Polen war von diesem Konflikt am meisten betroffen. Trotz dramatischer Gegenwehr wurde es gleich von zwei Diktaturen besetzt – von den deutschen Nazis und von der Sowjetunion. Polen wurde auf drastische und brutale Weise verändert, vor allem durch Repressionen. Die Politik des Völkermords wurde vor allem von den Nazis begangen, indem sie Millionen von polnischen Juden vernichteten. Die deutsche Besetzung führte zu Umsiedlungen, Deportationen, Konzentrationslagern – den Orten der Vernichtung und Exekutionen, aber auch dem Unvermögen Polens, sich gesellschaftlich weiterzuentwickeln, und er führte zur Verbreitung der Kategorie des »Untermenschen«. In den von den Sowjets besetzten östlichen Gebieten betrafen Festnahmen, Enteignungen und kommunistische Indoktrination vor allem Polen, allerdings auch Weißrussen, Ukrainer und Juden. Bis zum heutigen Tage trägt die Bevölkerung die inneren Verwundungen dieser Zeit mit sich. Der letzte Weltkrieg ist in den Augen der Polen immer noch eine offene Wunde.

Die Aufteilung Europas und der Welt nach 1945 in zwei gegnerische politische Blöcke machte die Lage dieser geschundenen Nation noch komplizierter. Hinzu kam, dass sie sich in neuen Grenzen und in politischer Unterordnung wiederfand. Polen, wie auch andere osteuropäische Länder, befand sich in der Einflusszone der Sowjetunion. Trotz mehrerer Versuche, sich davon zu befreien, blieben sie alle für lange Zeit Teil dieser »Allianz«. Erste ernstere Brüche mit der Sowjetunion zeigten sich mit der Entstehung der Solidarnosc- Bewegung. Zwar hatte die polnische Führung zunächst versucht, die Bewegung zu vernichten, aber es war bereits zu spät, um den Niedergang des Systems in Polen aufzuhalten, ebenso wie in den anderen sozialistischen Ländern.

Das Jahr 1989 könnte man als ein Wunder bezeichnen, eine Zeit nationaler Aufstiege, die man – in der Regel – nicht mit Gewalt aufzuhalten versuchte. Zum ersten Mal seit 1945 kam es in Ländern Ostmitteleuropas zu Unruhen, die man kühn revolutionär nennen kann. Diese Zeit ist auch als der »Herbst der Nationen« bezeichnet worden. Diese Ereignisse kann man jedoch nicht nur mit einigen Herbstmonaten verbinden. Es waren nicht nur die Beratungen am »Runden Tisch«, die Demonstrationen in Berlin und anderen DDRBezirken, sondern auch die Proteste in Prag sowie in anderen sozialistischen Ländern. Sie alle zeigten, dass die Dominanz der Sowjets ein Ende gefunden hatte. Die bloß auferlegte »Freundschaft« zerfiel, und die befreiten Nationen bekannten sich zu Demokratie, Menschenrechten und Freiheit. Es kam zur Verwerfung des Systems von Jalta, der Aufteilung Europas durch die Großen Drei (Truman, Churchill und Stalin), die vielen europäischen Ländern gegen ihren Willen auferlegt worden war. In diesem Sinne war 1989 das wirkliche Ende dessen, was der Zweite Weltkrieg politisch verursacht hatte. Die Befreiung, von der viele geträumt und auf die viele gehofft hatten, war für die Nationen, die in »die Familie der sozialistischen Ländern« hinein gezwungen worden waren, Realität geworden. Die feierlichen Veranstaltungen von 2009 haben all diese Abschnitte des 20. Jahrhunderts zusammengebracht – auf der einen Seite die furchtbaren Völkermorde, das Leiden, die Niederlagen, und auf der anderen Seite die Freiheit, die Siege der nationalen Solidarität.

Hat die polnische Regierung nun alles dafür getan, dass dieser Ereigniszusammenhang nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa und in der Welt verständlich und klar gemacht worden ist? Hat sie die Jubiläen von 2009 genutzt, die polnische Sicht auf die Geschichte zu verdeutlichen? In publizistischen Diskussionen und Ansprachen ist stets die in Europa verbreitete Ignoranz dieser Geschichte unseres Landes beklagt worden. 2009 bot darum Gelegenheit für eine sachgerechte Geschichtspolitik, für eine Zeit des Handelns, nicht bloß von Beschwerden. Aber leider können Feiertage auch Probleme bereiten, wenn sie im Nachhinein politisch nicht verwendbar erscheinen. Eine solche Einstellung machte sogar die Beratungen zwischen Opposition und Regierung am Runden Tisch 1989 ebenso wie die halbfreien Wahlen im Juni 1989 verdächtig, als ob all dies etwas sei, das keiner Erinnerung wert ist. Politische und persönliche Verletzungen unter ehemaligen Akteuren verstärkten diese Einstellung und schädigten Polens Image nach außen. Den Höhepunkt bildete hier die scharfe Kritik an dem Führer der polnischen Solidarnosc, Lech Walesa, dem Hauptarchitekten nicht nur der Ereignisse der 1970er und 1980er Jahre, sondern auch des folgenden Jahrzehnts. Auf die Beziehungen mit den Deutschen, die in unserer Geschichte obenan stehen, musste sich eine solche konfliktorientierte Politik negativ auswirken.

Nach der Abwahl der nationalkonservativen Regierung Jaroslaw Kaczynskis Ende 2007 war auch in der Geschichtspolitik die Zeit für eine Neuorientierung gekommen. Ton und Stimmung haben sich seither geändert, besonders in den Außenbeziehungen. Einige Projekte wurden fallengelassen, andere verändert. Neue Ideen, etwa die Abfassung des deutsch-polnischen Geschichtsschulbuchs oder die Schaffung eines Museums des Zweiten Weltkrieges, wurden befördert. Die Schaffung des Museums muss unter den gegebenen Bedingungen als einzigartig gelten. Für die Gründer soll dies ein universell angelegtes Museum sein, das die Geschichte in ihren vielen Dimensionen zeigt. »Die Idee der Schaffung eines solchen Museums war die, die Komplexität dieser für die Europäer des 20. Jahrhunderts tragischen und verletzenden Ereignisse zu zeigen«, so die Schöpfer Pawel Machcewicz und Piotr Majewski, »ein Versuch, diesen Krieg umfassend zu zeigen, aber ohne die Vielfalt dieser Erfahrung durch mehrere Nationen zu verwischen. Nur so können wir es schaffen, voran zu gehen, in Richtung eines einander Verstehens, das jedoch keine Vereinheitlichung bedeutet. Es ist besser, sich zu unterscheiden, indem man die abweichenden Meinungen und Erlebnisse der Anderen kennt, ohne jedoch blind irgend welchen Stereotypen zu folgen.«

Die Reaktion rechtskonservativer Gruppen auf solch ein Programm war vorhersehbar. Sowohl die Idee vom gemeinsamen Geschichtsschulbuch als auch die des Museums wurden heftig kritisiert. Zum ersten meinte man, dass es vor allem die deutsche Meinung beinhalten und deren Sicht der Geschichte diktieren würde. Zum zweiten meinte man, dass der polnische Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland entwertet sei oder gar relativiert würde, wenn man ihn mit dem Beitrag anderer Länder vergliche. Die lauten, kritischen Stimmen (obwohl diese Bezeichnung nicht ihre wahre Absicht abbilden) zum Thema Lech Walesa wurden auch nicht stiller. Plötzlich wurden vor allem kleinere Episoden und Taten Walesas haarklein analysiert und kommentiert. Dies führte letztendlich zu der »Einsicht«, dass dieser gar kein so wunderbarer Held gewesen sei, für den ihn alle hielten, eine These, die sich, wieder einmal, als überholt entpuppte.

In dieser Zeit gab es immer mehr Veröffentlichungen zur 1989er Wende und auch Pläne, wie man die Feiertage begehen könnte. International wurde der Mauerfall in Berlin immer mehr als Ikone für den Sieg über den Kommunismus angesehen. Über den Drang, auch nach solch einer polnischen Ikone zu suchen, schrieb der Kulturminister Bogdan Zdrojewski 2008: »Im nächsten Jahr feiern wir den 20. Jahrestag der Juni-Ereignisse, müssen aber traurig zur Kenntnis nehmen, dass man dank einer konsequent antihistorischen Politik denkt, der Kommunismus habe mit dem Mauerfall geendet. Die Welt spricht sogar über die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei. Allerdings erwähnt niemand, dass diese niemals zustande gekommen wäre, wäre da nicht Polen, die polnische Solidarnosc, wäre da nicht der damalige Papst Johannes Paul II. gewesen. Es ist unsere Pflicht, das nationale Andenken zu pflegen und es nicht dem Vergessen zu überlassen, ebenso wie wir über die Geschichte Polens in einer modernen und attraktiven Sprache reden müssen. Lasst Europa und die Welt uns endlich verstehen!« Recht hat er. Aber wie hätten diese Feiertage aussehen sollen, wenn es in Polen keine gemeinsame Verständigungsgrundlage gibt? Dies ist alles auch eine Frage des europäischen Gedenkens. Denn auch hier, in Europa, sind die Meinungen und Erinnerungen sehr unterschiedlich. Die Teilung bleibt nach wie vor die gleiche: Der Osten denkt anders über die Geschichte als der Westen.

Einen Test stellte im Jahr 2005 der 60. Jahrestag des Kriegsendes dar, mit den zentralen Zeremonien in Moskau. Einwände der Opfer des Hitler-Stalin-Pakts bewirkten nichts. Für die Gesellschaften des Westens war der 2. Weltkrieg ein Kampf gegen den Nazismus, bei dem die Sowjetunion eine tragende Rolle spielte. Für die Russen setzte der Zweite Weltkrieg erst mit dem Einmarsch der deutschen Nazis am 22. Juni 1941 und dem Beginn des so genannten Großen Vaterländischen Krieges ein. Diese Sicht des Krieges, auch wenn sie nicht korrekt ist, wurde in den westlichen Ländern weitgehend akzeptiert. Der Holocaust dominierte nicht nur in der Darstellung der Nazi-Opfer, sondern des ganzen Weltkrieges. Die Ausrottungen durch die Sowjets sind nur in den Ländern bekannt, die sie miterlebt haben, nur sie können sich daran erinnern. Für großes Aufsehen sorgte daher die lettische Außenministerin Sandra Kalniete bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2004. Sie sagte damals: »Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschnitt ein Eiserner Vorhang Europa, der nicht nur die Nationen Osteuropas versklavte, sondern auch ihre ganze Geschichte auf dem Kontinent auslöschte. Europa war soeben vom Nazismus befreit worden, da ist es verständlich, dass die Menschen nach solch einem Blutbad keine Kraft mehr hatten, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Sie waren nicht stark genug, um zu erkennen, dass in Europa immer noch der Terror regierte, dass die Sowjets hinter diesem Eisernen Vorhang immer noch Völkermord betreiben. Die Geschichte Europas«, fügte sie hinzu, »wurde ohne uns geschrieben. Die Geschichte der Sieger des Zweiten Weltkrieges teilte sehr genau auf in Gute und Böse, in korrekt und unkorrekt. Erst nachdem der Vorhang verschwand, konnten die Forscher Zugang zu den Fakten und zu den Lebensläufen der Opfer bekommen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass beide Totalitarismen – sowohl der Nazismus als auch der Kommunismus – ein Verbrechen waren.« Diese Worte, die in Polen nichts Neues oder Schockierendes waren, haben in Deutschland für große Empörung gesorgt. Man warf Sandra Kalniete vor, die Geschichte zu relativieren sowie Nazismus und Kommunismus als etwas Gleiches zu betrachten. Wie man später aus ihren weiteren Aussagen schlussfolgern konnte, war dies keineswegs ihre Absicht. Sie wollte auf die Opfer dieser beiden Regimes eingehen und den Westen darauf hinweisen.

In Polen weckte 2009 der Konflikt zwischen Ministerpräsidenten und Präsidenten Befürchtungen vor einer Rivalität zwischen zwei Zentren auf dem Feld der Geschichtspolitik. Man befürchtete darüber hinaus, dass das spektakuläre Ereignis des Berliner Mauerfalls alle sonstigen Ereignisse von 1989 überschatten würde, die ebenso als Ikonen des Kampfes gegen den Kommunismus angesehen werden könnten. Aus der nachträglichen Perspektive muss man jedoch ausdrücklich betonen, dass diese Ängste unbegründet waren. So heftig wie 2009 hat man dort seit sehr langem nicht mehr über den Zweiten Weltkrieg diskutiert. Zudem wurden diese Diskussionen auch auf europäischer Ebene geführt und haben zu einer Pluralität in Europas Gedenken beigetragen. Die Organisatoren der deutschen Gedenkveranstaltung zum Mauerfall in Berlin haben dafür gesorgt, dass die Ereignisse in anderen Ländern Osteuropas nicht vergessen wurden. Das Bild von Lech Walesa, der symbolisch den ersten der tausenden Dominosteine umstoßen durfte, die stellvertretend für die frühere Teilung der Stadt, des Landes sowie des Kontinents standen, beeindruckte sehr, besonders in seinem Heimatland.

Die Erinnerung an die Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotow-Pakts kurz vor dem Zweiten Weltkrieg öffnete vielen Menschen die Augen für die Bedeutung dieses Ereignisses und dafür, welche Konsequenzen er für die Länder Ostmitteleuropas gebracht hat. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt und der Ausbruch des Weltkrieges wurden insbesondere in der Bundesrepublik behandelt. Es gab Konferenzen, Veröffentlichungen, und es wurden mehrere Filme darüber gedreht. Am Gedenktag dieses Pakts kamen 140 deutsche Intellektuelle öffentlich und sehr entschieden auf die Konsequenzen jener deutsch-sowjetischen Allianz zu sprechen. »In diesen Wochen und Monaten erinnern sich die Menschen in ganz Europa an die Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa«, so die Unterzeichner, »Festveranstaltungen und Konferenzen, Filme und Ausstellungen rufen den Bürgermut der Vielen in Erinnerung, die mit ihrem friedlichen Protest nicht nur die Diktatur überwanden, sondern auch die Voraussetzungen für die Errichtung der Demokratie und für die Überwindung der europäischen und deutschen Teilung schufen. Am Beginn dieser Teilung und der mehr als vier Jahrzehnte währenden kommunistischen Herrschaft in Ostmitteleuropa stand der Zweite Weltkrieg. Und so erinnern wir uns mit Scham und Trauer an den 1. September vor 70 Jahren, als das nationalsozialistische Deutschland Polen überfiel. Acht Tage zuvor hatten Deutschland und die Sowjetunion den unseligen ‚Hitler-Stalin-Pakt’ abgeschlossen, mit dem die beiden totalitären Diktaturen das Baltikum und Polen, Finnland und Rumänien unter sich aufteilten. Der Überfall auf Polen durch Deutschland und die Sowjetunion im September 1939 war der Auftakt zu einem beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Mit diesem Krieg brachte Deutschland unermessliches Leid über seine Nachbarn, namentlich in Polen und schließlich auch in der Sowjetunion.«

Dies war eine wichtige öffentliche Wortmeldung, zeigte sie doch deutlich die Genese der polnischen Tragödie und wies zugleich auf die Wichtigkeit dieses Landes für den späteren Sturz des Kommunismus hin. »Wir werden nicht vergessen, dass es vor allem Polen waren, die für ihre und unsere Freiheit als erste Breschen in das kommunistische Machtsystem geschlagen haben. Wir danken zugleich den Anhängern der tschechoslowakischen Charta 77, die uns ermutigt haben, in der Wahrheit zu leben. Wir erinnern auch all jene, die in Ungarn den Weg zur Demokratie frei machten und im Sommer 1989 den Eisernen Vorhang öffneten. Sowjetische Dissidenten haben sich lange vor Glasnost und Perestroika für die Wahrung der Menschenrechte eingesetzt.« Polnische Zeitungen, und zwar unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, hielten diese Aussagen der Intellektuellen für wegweisend und maßen ihnen eine hohe Bedeutung zu.

Großes Interesse galt den Feierlichkeiten auf der Westerplatte und den Reden der Politiker unserer Nachbarländer. Die Entscheidung, nach Danzig zu kommen und somit auch offiziell an den Gedenkfeiern teilzunehmen, war ein großes und auch wichtiges Zeichen, das die deutsche Kanzlerin Angela Merkel setzte. Sie zeigte, dass die Deutschen – obwohl ihnen oft vorgeworfen wird, die Geschichte (insbesondere die des Zweiten Weltkrieges) umschreiben zu wollen – ihre Einstellung zum Zweiten Weltkrieg nicht geändert haben. Vielmehr gedenken sie dieser Tragödie mit großer Demut und wissen um ihre eigene Verantwortung. Mit gewisser Besorgnis und Unmut erwartete man dagegen das Auftreten des russischen Premierministers Wladimir Putin. Viele Menschen hatten immer noch die bedrückende und enttäuschende Erinnerung an jene Gedenkfeiern in Moskau von 2005 im Hinterkopf, bei denen man das Ende des Zweiten Weltkrieges sehr schallend gefeiert hatte. Russland erinnerte sich nur an den eigenen Großen Vaterländischen Krieg, ohne auch nur ein Wort über die Zusammenarbeit mit den Deutschen zwischen 1939 und 1941 zu verlieren. Kurz vor dem Auftritt Putins in Polen gab es zudem antipolnische Kampagnen, die die Bedeutung und Rolle des Ribbentrop-Molotow-Pakts reduzieren sollten und Polen gar einer Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigten. Der Auftritt Putins wurde von einigen Beobachtern auf der Westerplatte darum als wenig konkret und vage bewertet. Für sie wäre nur die Verurteilung Stalins und des Ribbentrop-Molotow- Pakts zufriedenstellend gewesen. Trotzdem ist daran zu erinnern, dass Putin einige sehr wichtige Aussagen getroffen hat, etwa dazu, einen neuen polnisch-russischen Dialog zu starten und ein gemeinsames Haus der Geschichte zu errichten. Wieder einmal zeigten sich die Schwierigkeiten in der polnisch-russischen Verständigung, wie zerbrechlich dieser Dialog ist und dass er keinesfalls mit dem deutsch-polnischen Dialog gleichgesetzt werden kann. Er ist von eigener Natur und eigenem Temperament. Zuletzt hat die russische Seite – möglicherweise wegen der Bedeutung der Geschichte für die Polen – durchaus guten Willen gezeigt, auch während der Flugzeugtragödie von Smolensk im April 2010, bei der der polnische Präsident Lech Kaczynski und weitere hochrangige polnische Politiker und Militärs ums Leben kamen. Einige Aussagen des russischen Präsidenten Medwedjew weisen auf eine veränderte Wahrnehmung der von Stalin begangenen Verbrechen hin. »Wenn man über Stalin und die Personen, die unter seiner Führung arbeiteten, redet, dann muss man sagen, dass sie ein Verbrechen begangen haben. Dies ist für alle selbstverständlich. Sie haben ein Verbrechen gegen die eigene Nation und in gewisser Weise auch gegen die Geschichte begangen «, meinte er 2010. Es ist schwierig vorauszusagen, ob dieser Trend andauern wird. Aber es sprechen mehr Argumente dafür als noch im Gedenkjahr 2009.

Die Gedenkfeierlichkeiten des letzten Jahres machen auf einen weiteren Aspekt aufmerksam – den der europäischen Erinnerung. Es gibt viele Historiker, die an der Entstehung einer solchen zweifeln. Es fällt schwer, ihnen zu widersprechen. Sehr oft verbindet man diese Erinnerung mit der Geschichtspolitik in der EU. Auch in diesem Fall gibt es keine Übereinstimmung darüber, was Teil des historischen Gedächtnisses sein sollte. Bester Beweis dafür sind sowohl die Schwierigkeiten beim Entwerfen eines gemeinsamen Museums als auch beim europäischen Geschichtsbuch. Es scheint, dass die Antwort auf diese Probleme in der Akzeptanz der Vielfalt der Erinnerungen der Völker Europas liegt. Genau wie in der Vergangenheit des Alten Kontinents ist diese Vielfalt auch heute von Vorteil, wenn man sich zu den gleichen Werten bekennt. Es ist richtig, dass Diskussionen über Werte in einer globalisierten Welt nicht oft genug stattfinden. Die Pluralität der Erinnerung bedeutet keine Beliebigkeit oder Zufälligkeit, sondern den Respekt und die Toleranz für die Erinnerung des jeweils Anderen. Vielfalt lässt sich nur mithilfe von Dialog erreichen, der wiederum ein Merkmal des vereinten Europas ist. Dies ist nicht nur eine Herausforderung für Polen, Deutschland oder Russland, sondern für alle Länder Europas. »Wie das Jahr 1939«, so die deutschen Intellektuellen in ihrer Denkschrift, »ist 1989 – wenn auch auf gegensätzliche Weise – zum europäischen Schicksalsjahr geworden. Ein freies und demokratisches Europa muss sich seiner Geschichte bewusst sein. Es braucht die Erinnerung an die kommunistische Ära und an ihre Überwindung.«

In der Sphäre des Gedenkens und der Aufklärung über die Geschichte ist eine Rückkehr zu Dialog und Zusammenarbeit notwendig. Guter Wille allein genügt nicht, es bedarf verantwortlicher Schritte. Es ist weniger eine Frage der gegenseitigen Beziehungen, sondern eine Gesinnungsfrage innerhalb der ganzen europäischen Familie. Der Kontinent braucht gerade in der heutigen Zeit Ruhe, Besonnenheit und Stabilität. Er braucht positive Zeichen. Das geschickte Erklären von historischen Ereignissen, ohne sie gegen sich selbst zu richten, sondern sie im Kontext der menschlichen Erfahrungen und der Anstrengungen eines dramatischen historischen Erbes zu überwinden, das ist, was Europa von uns erwartet. Das ist, was wir auch von uns selbst erwarten sollten. Das Jahr 1939 war eine Tragödie für Polen, Europa und die Welt. Das Jahr 1989 hingegen war das Jahr eines wichtigen Durchbruchs, einer Chance, die Nationen nur sehr selten bekommen.

 

Krzysztof Ruchniewicz, Prof. Dr. phil., geb. 1967, ist Direktor des Willy Brandt Zentrums für Deutschlandund Europastudien an der Universität Wroclaw, Leiter des Lehrstuhls für Geschichte. eMail: ruchniewicz@wbz.uni.wroc.pl.

Übersetzung vom Polnischen ins Deutsche: Clarissa Bachmann