Der Umgang mit »1989« im vereinigten Deutschland
Anders als nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur 1945 hat die Beschäftigung mit der kommunistischen Herrschaft in der DDR nach 1989 sehr rasch und intensiv eingesetzt. Genau genommen war der Wille, die Defizite und Mechanismen der SED-Herrschaft offen zu legen, selbst ein Motiv der revolutionären Ereignisse von 1989. Durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 hat sich die Debatte um die Vergangenheit und die Bedeutung von 1989 in Deutschland unter spezifischen Rahmenbedingungen entwickelt. Ähnlich wie in anderen Staaten Ost- und Ostmitteleuropas sind die staatssozialistische Vergangenheit und ihre Überwindung 1989 in ein erneuertes nationalgeschichtliches Narrativ eingebettet worden. Während sich in jenen Ländern die Gesellschaften über ihre jeweilige gemeinsame Geschichte zu vereinbaren hatten, ist es durch die deutsche Einheit darüber hinaus zu einem kontroversen Aufeinandertreffen, zum Teil aber auch einem Zusammenfinden unterschiedlicher Geschichtsdiskurse aus Ost und West gekommen. Der vorliegende Beitrag stellt wichtige Perspektiven auf die DDR-Vergangenheit vor, widmet sich dem öffentlichen Gedenken an 1989 in Deutschland im Jahr 2009 und verortet die im Kontext des Himmelweit-Projekts erstellte Ausstellung »brüche. DRESDEN | 1989 | DRESDEN« innerhalb dieses größeren Rahmens.
I.
Während im europäischen Ausland die Nation klassischer Weise den Referenzrahmen historischer Narrative bildet, ist sie in Deutschland 2009 nur zögerlich und nicht ohne Widerspruch als positiv besetzter Drehund Angelpunkt geschichtspolitischer Selbstreflexion aufgegriffen worden. Die vor 1945 in deutschem Namen begangenen nationalsozialistischen Verbrechen, die deutsche Teilung bis 1990, aber auch die durch die umfassende Einbindung in europäische Strukturen abnehmende Bedeutung nationaler Staatlichkeit sind wesentliche Gründe, warum die Vergangenheitsdiskurse in Deutschland bis heute weitgehend ohne nationales Pathos erfolgen. Gleichwohl sind zwanzig Jahre nach 1989 Umrisse eines Geschichtsbildes erkennbar, das (rückwirkend) ein neues nationales Narrativ konstruiert. Teile der deutschen politischen Elite haben die ostdeutsche Revolution von 1989 und die sich anschließende Vereinigung beider deutscher Staaten zum Anlass genommen, den Nationalstaat als Kategorie in der politischen Praxis wiederzubeleben. Dass die nie abgekoppelt von der eigenen Gegenwart operierende Zeitgeschichtswissenschaft die politische Aufladung der Vergangenheit in Teilen mitvollzogen hat, zeigt ihre nicht unproblematische Nähe zum politisch-normativen Diskurs und wird innerhalb der Disziplin kritisch diskutiert.
II.
Seit Jahren eine politische Gewissheit, ist das Bestehen vieler gegensätzlicher Erinnerungen an die DDR und speziell an 1989 inzwischen zum Gegenstand der Wissenschaft geworden. Der Historiker Martin Sabrow hat in Bezug auf die DDR drei Erinnerungskonzepte identifiziert: ein normativ strukturiertes, auf Täter-Opfer-Gegensätze abzielendes »Diktaturgedächtnis«, ein auf die individuelle Selbstbehauptung im Sozialismus abzielendes »Arrangementgedächtnis« und ein »Fortschrittsgedächtnis«, das an der Legitimität der DDR als Alternative zum Weststaat auch nachträglich festhält. In der Tat lassen sich viele geschichtspolitische Kontroversen seit 1989 diesem Schema zuordnen, egal ob dabei das Wirken der Staatssicherheit und ihrer Spitzel, die Rolle der kommunistischen Partei und anderer Massenorganisationen oder generell der Lebensalltag innerhalb der Diktatur zur Debatte standen. Die Vermischung politisch-moralischer, rechtlicher und wissenschaftlicher Kriterien hat den Blick auf die Geschichte bis 1989 nicht selten erschwert.
Innerhalb der staatlich beförderten Gedenk- und Erinnerungskultur spielt das »Diktaturgedächtnis« eine herausgehobene Rolle. Dies lässt sich an Reden hochrangiger Politiker an ausgewählten Gedenktagen zur DDR-Geschichte ablesen, etwa zum ostdeutschen Aufstand vom 17. Juni 1953 und zu den Jahrestagen des Mauerbaus am 13. August 1961 sowie des Mauerfalls am 9. November 1989. Konkret spiegelt sich der Stellenwert des einerseits auf den Aspekt der Unterdrückung und anderseits auf den von Opposition und Widerstand abhebenden Geschichtsnarratives in der staatlichen Förderung für solche Gedenkstätten wider, die sich mit den Themen Teilung (z.B. Grenzmuseen) und Repression (z.B. ehemalige Gefängnisse) befassen.
Die politische »Delegitimerung« der DDR geht im vereinten Deutschland nach 1990 Hand in Hand mit tagespolitischen Erwägungen. Obwohl sie von keinem der maßgeblichen Akteure in Ost- oder Westdeutschland vorausgesehen wurde, lieferten die 1990 erlangte Einheit und die partielle Renaissance eines nationalen Geschichtsnarrativ insbesondere in der bis 1998 währenden konservativ-liberalen Regierungszeit Helmut Kohls geschichtspolitische Munition gegen alle jene politische Gegner, die sich vor 1989 – aus nachträglicher Sicht – nicht entschieden genug gegen die Machthaber in der DDR ausgesprochen hatten, und erst recht gegen solche, die sich mit der deutschen Teilung abgefunden oder sie befürwortet hatten. Bei diesen Auseinandersetzungen handelte es sich keineswegs in erster Linie um Ost-West-Debatten. Vielmehr ging es, wie der australische Historiker Andrew H. Beattie pointiert formuliert hat, Konservativen und Liberalen im (partiellem) Zusammenwirken mit dem politisch-moralischen Potential ehemaliger ostdeutscher Oppositioneller außer um die Verurteilung der DDR selbst (statt spezifischer Handlungsoptionen in ihr) stets um die Verurteilung des Sozialismus per se bzw. seiner marxistischen Grundlagen und somit auch der altbundesrepublikanischen Linken. Aus Sicht Letzterer sowie einiger ostdeutscher Bürgerrechtler war die »Delegitimierung« der DDR aber nie unvereinbar mit einer Kritik an der westdeutschen, konservativ geprägten (Früh-)Geschichte.
Die Dominanz der Diktaturerinnerung hat einerseits klare politische Maßstäbe gesetzt und die Rede vom »antitotalitären Konsens« in Deutschland befördert. Andererseits ist durch den eingeengten Fokus auf den SED-Machtapparat bzw. -Herrschaftsanspruch die Chance, differenzierte Aussagen über die DDR und ihre Wandlungsprozesse zu treffen sowie ein Augenmerk auf den Lebensalltag der Bevölkerung innerhalb der Diktatur zu legen, in den ersten Jahren vertan worden. Auch ist der einseitig negative Fokus auf die DDR dem Anspruch der politischen Eliten, zur »inneren Einheit« des Landes beizutragen, zuwider gelaufen. Dies ist ein Grund, warum viele Ostdeutsche bis heute von »Sieger-Geschichte« sprechen, obwohl wesentliche Entscheidungen darüber, wie mit dem Erbe der Diktatur, etwa den Akten des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes, zu verfahren sei, noch vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1990 gefallen oder vorgeprägt worden sind. Nur aufgrund ostdeutschen Drucks hat der gesamtdeutsche Gesetzgeber die Aufbewahrung sowie die Möglichkeit des Zugangs zu den Geheimdienstakten der DDR rechtlich gewährleistet.
Unmut über die Täter-Opfer-Dichotomie im öffentlichen Diskurs, aber auch die Überzeugung, die DDR habe eine eigene politische Legitimität besessen, sind die Hauptargumente jener Menschen – nicht nur, aber vor allem – in Ostdeutschland, die sich dem offiziell dominierenden Geschichtsbild verweigern und im Rückblick vorzugsweise auf die sozialpolitischen Maßnahmen in der DDR verweisen. Diese Sicht lässt sich im Umfeld ehemaliger DDR-Funktionäre und dem der SED-Nachfolgepartei DIE LINKE feststellen, aber auch bei jüngeren Menschen, deren Wertschätzung für das Vergangene sich eher aus der Ablehnung der gegenwärtigen Verhältnisse erklärt. Nicht jeder verklärende Blick zurück bedeutet also den Wunsch nach den Verhältnissen von vor 1989. Durchsetzungskraft und Akzeptanz dieser Akteure sind gering.
Eine mittlere Deutungsvariante der DDR, jenes »Arrangementgedächtnis«, beinhaltet die Annahme eines für die Mehrheit der DDR-Bevölkerung typischen individuellen Behauptens und bedingten Mitmachens innerhalb einer als unabänderlich wahrgenommen Parteiherrschaft. In dieser Perspektive verknüpft sich das lebensweltlich Biographische mit dem Blick auf das politische System. Sie belässt der Geschichte – in zahllosen Nuancen – ihre Komplexität und Kontextualität. In der auf Schlagworte reduzierenden öffentlichen Auseinandersetzung hat diese Sicht aber geringere Chancen auf Gehör. Sie hebt ebenso wie das »Diktaturgedächtnis« – wenn auch weniger emphatisch – auf das Jahr 1989 als die erste erfolgreiche Freiheitsrevolution in Deutschland ab.
III.
Das offizielle geschichtspolitische Antlitz der Bundesrepublik Deutschland ist im Jahr 2009 durch das öffentliche Erinnern an Revolution und Mauerfall in der DDR 1989 geprägt worden. Bundes- und Landespolitik, Stiftungen, Forschungsinstitute, Kommunen und künstlerische Institutionen, aber auch Verlage, Tages- und Wochenzeitungen sowie die für die DDR-Vergangenheit speziell zuständige Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und viele Gedenkstätten stellten 2009 ein kaum zu überschauendes Tableau an Veranstaltungen und Publikationen zusammen. Neben staatlichen Anstößen, etwa dem Förderprogramm »20 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit«, bestand ein Markenzeichen des Erinnerungsjahres 2009 in der Vielzahl von Aktivitäten, denen, »von unten« ausgehend, eine finanzielle Förderung gewährt wurde. Dem waren 2008 eine Neuauflage der Gedenkstättenkonzeption des Bundes und eine Einigung innerhalb der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD auf geschichtspolitische Grundlagen für das Jubiläumsjahr vorausgegangen. Die Kontroverse um die Gedenkstättenarbeit hat gezeigt, dass Geschichtspolitik neben der Inanspruchnahme historisch-moralischer Kriterien stets ein Aushandeln von Finanzfragen und das Balancieren institutioneller Eigeninteressen mit einschließt.
Im Veranstaltungsmarathon von 2009 hat die Erinnerung an den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls in Berlin, hervorgestochen. Obwohl der 3. Oktober seit 1990 als Tag der Deutschen Einheit begangen wird, hat der 9. November 1989 das Rennen um den gefühlten Nationalfeiertag gewonnen. Die Freude über die in dessen Folge erlangte staatliche Einheit und der Versuch ihrer Einordnung in die jüngere deutsche Geschichte erklären die aufwändige Inszenierung der offiziellen Feiern in Berlin. Als Höhepunkt kam es am 9. November 2009 rund um das Brandenburger Tor zu einem Happening, bei dem im Beisein zahlreicher Staatsgäste ca. 1.000 bunt gestaltete, über 2 Meter hohe Dominosteine aus Styropor entlang des ehemaligen Grenzverlaufs zwischen Ost und West zum Einsturz gebracht wurden. Die Reaktionen darauf waren uneinheitlich. Während die Aktion manchen Beobachtern angesichts der diktatorischen Vergangenheit nicht ernsthaft genug war, geriet sie anderen zu unkritisch bzw. zu pompös aufgeladen. Die Feierlichkeiten wurden sowohl mit Gästen begangen, die den Fall der Mauer von Beginn an begrüßt haben, aber auch solchen, die auf ihn zunächst skeptisch bis ablehnend reagiert hatten. Am 9. November 2009 sind mit Michael Gorbatschow und Lech Walesa immerhin solch unterschiedliche Persönlichkeiten wie der letzten Staats- und Parteichef der Sowjetunion und einer der prominentesten Totengräber des Ostblocks integriert worden. Bei Gorbatschow, dessen Ziel einst nicht in der Aufgabe sowjetischer Macht und ihrer Einflusssphäre gelegen hatte, muss diese Selbstverständlichkeit zumindest verwundern.
Die zunehmende Distanz zum historischen Ereignis selbst und inzwischen veränderte politische Herausforderungen haben ein neues, für außenpolitische Zwecke verwendbares »Freiheitsnarrativ« hervorgebracht bzw. dazu geführt, dass der Mauerfall in ein solches eingebettet wird. Für die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton war der 9. November 2009 willkommener Anlass, den Deutschen für ihre Beteiligung im »Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan« zu danken. Damit verband sie ihre Erwartung an ein weiteres militärisches Engagement Deutschlands mit der Erinnerung an ein positiv besetztes Geschichtsereignis.
Die Mauer spielt in der Erinnerung an 1989 eine herausgehobene Rolle, weil sie stets Metapher für die Teilung Deutschlands, Europas und der Welt gewesen ist, aber zugleich einem tatsächlichen Ort zugeordnet werden kann. Ein weiterer Grund für das besondere Begehen des Mauerfalls liegt in seinem millionenfachen persönlichen Erleben. Ein persönliches Verhältnis zum 9. November 1989 zu haben, ist in Deutschland dermaßen selbstverständlich, dass selbst der Bericht, man habe es verschlafen oder zunächst für unwichtig erachtet, zum Erzählen taugt. Nachfolgende Generationen werden diese Bedeutung nicht mehr in diesem Maße nachempfinden können. Bislang kommt alle Welt nach Berlin, um das bekannteste Relikt des Kalten Krieges zu betrachten. Inzwischen ist der Verlauf der ehemaligen Grenze nur noch an wenigen Stellen nachvollziehbar. Daher kommt der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße in Berlin besondere Bedeutung zu. Sie ist zum Kristallisationspunkt des Mauergedenkens geworden.
IV.
Das Ikonenhafte des Mauerfalls wirft zugleich Fragen auf. Zwar trifft zu, dass er ein Ergebnis des in der DDR anschwellenden Protests gegen die Politik der Partei- und Staatsführung gewesen war. Dieser Protest hatte jedoch begünstigende Bedingungen: neben einer taumelnden Sowjetunion und der deutschdeutschen Systemkonkurrenz waren dies vor allem die Demokratiebewegungen in Ost(mittel)europa. Befürchtungen in diesen Ländern, aber auch in Deutschland, die Renaissance eines nationalen Blicks auf die Geschichte könnte 2009 das Bewusstsein für die Vorleistungen der Nachbarn auf dem Weg zur Freiheit verdrängen, haben sich weitgehend als unbegründet erwiesen. Es war der einstige Anführer der Solidarnosc und spätere Präsident Polens Lech Walesa, der am 9. November 2009 in Berlin – in Anspielung auf den Dominoeffekt der Demokratisierung Polens auf die Entwicklung in den anderen Ostblockstaaten – den ersten Stein zum Einsturz brachte.
Der transnationale Kontext von 1989 verweist auf einen weiteren europäischen Gedenktag 2009, die 70. Wiederkehr des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges, der in Deutschland zwar weniger mediale Präsenz, innerhalb der geschichtspolitischen Eliten aber die angemessene Aufmerksamkeit erzielt hat. Die Bedeutung von 1939 für die Staaten Ost- und Mittelosteuropas, insbesondere für Polen, als der Beginn einer zweifachen Unterwerfung durch Deutschland und die Sowjetunion, bleibt eine noch stärker im deutschen historischen Bewusstsein zu verankernde Tatsache.
2009 wurde in Deutschland neben den Ereignissen von 1989 und 1939 auch an 60 Jahre doppelte Staatsgründung, den 71. Jahrestag der nationalsozialistischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung von 1938, die 90. Wiederkehr der Ausrufung der Weimarer Republik sowie an den für all dies maßgeblichen Beginn des Ersten Weltkrieges vor 95 Jahren erinnert. Zählt man Hitlers Putschversuch in München von 1923 hinzu, sind allein vier dieser Ereignisse (Republikgründung 1918, die Pogrome 1938 und der Mauerfall 1989) mit dem Datum des 9. November verbunden. Kein anderer Tag verkörpert die Brüche der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert in ähnlichem Ausmaß. Als die Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende 2009 vor dem US-Kongress auftrat, sprach sie vom inneren historischen Zusammenhang des 9. November 1989 und des 9. November 1938. Dieses Bewusstsein und das Bekenntnis zur deutschen Verantwortung ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschland nach einem langen Weg zum »Frieden mit sich selbst« (Klaus-Dietmar Henke) moralisch glaubwürdig vor die Welt treten kann.
Historische Sinn-Suche und Sinn-Stiftung sind in Deutschland seit 1989 vorangeschritten, doch sind längst nicht alle Fragen an die DDR-Geschichte und den Umgang mit ihr geklärt. Verfechter des »Diktaturgedächtnisses « werden weiterhin bemängeln, dass zuwenig von den Opfern die Rede ist, anderen wird in der Rückschau stets der Lebensalltag zu kurz kommen. Dass im westlichen Teil Deutschlands die DDR und ihr Ende nicht als Teil der gesamtdeutschen Geschichte betrachtet werden, wird ebenfalls anhalten. Doch wird in Deutschland – anders als in vielen anderen Staaten mit diktatorischer Vergangenheit – anerkannt, dass die Vielfalt von Geschichtsdeutung legitim ist und Aushandlungsprozesse begründet. Dass öffentliche und private Erinnerung oft auseinander klaffen, ist weder neu noch per se etwas Bedrohliches. Differenzen machen die Erinnerungskultur pluralistisch und streitbar. Für eine Gesellschaft ist es nicht das Schlechteste, wenn sie sich durch den Streit über die eigene Vergangenheit auf die demokratischen Spielregeln des Politischen rückzubesinnen vermag.
Das erfolgreiche Drängen ostdeutscher Städte, insbesondere Leipzigs, auf angemessene Würdigung ihrer Rolle im Umbruch 1989 zählt zu solchen Aushandlungsprozessen ebenso wie Fragen nach dem Vermächtnis jenes Herbstes. Mit einem Lichterfest, an dem 100.000 Menschen teilnahmen, erinnerte Leipzig am 9. Oktober 2009 an das 20. Jubiläum jener Montagsdemonstration 1989, an der 70.000 Bürger friedlich gegen die Macht der kommunistischen Partei protestierten und die als Durchbruch der Revolution angesehen wird. Der offizielle Festakt der Bundesrepublik zum 9. Oktober 1989 hat dies gewürdigt. Dort waren aber auch Forderungen nach einer Fortsetzung des revolutionären Aufbegehrens gegen die Prinzipien der heutigen Wirtschaftswelt und die durch sie verursachten sozialen Verwerfungen zu hören ebenso wie die Forderung einiger der 1989 in der DDR tonangebenden Oppositionellen, dem politischen Instrument des Volksbegehrens in der Bundesrepublik mehr Gewicht einzuräumen.
Die ersten 20 Jahre nach 1989 waren institutionell und finanziell – vergleichsweise – ein Eldorado für jene, die sich an der DDR-Aufarbeitung beteiligt haben. Viele geschichtspolitische Karrieren verdanken sich dem Willen, die DDR rascher und nachhaltiger als die NS-Vergangenheit nach 1945 aufzuarbeiten. Dies ist durch enorme wissenschaftliche Leistungen belohnt worden. Doch wird die (Geschichts-)Wissenschaft das Ende des 20. Jahrhunderts zukünftig in größere Zusammenhänge einzubetten haben, wenn sie mehr als kurzfristige Darstellungen der Transformationsprozesse in Ostdeutschland und Ost(mittel)europa vorlegen will. Die »verstehende« Geschichtswissenschaft muss ihre Rolle als kritisches Korrektiv gegenüber der »urteilenden« Geschichtspolitik deutlich hervorkehren, statt die Maßstäbe letzterer – empirisch bloß angereichert – zu kopieren.
V.
Angesichts der hier angedeuteten Deutungskonflikte über die Geschichte stellte das Himmelweit-Projekt mit seinen von jungen Menschen erstellten Ausstellungen in Bratislava/ Žilina, Dresden, Prag und Wroclaw eine große Herausforderung, aber auch eine angemessene Form der Würdigung der Zeitenwende von 1989 dar. Die grenzüberschreitende Herangehensweise wurde der Geschichte ebenso gerecht, wie die Fokussierung auf die vielschichtigen, von den Bürgern dieser vier Städte seit den 1980er Jahren bewältigten Transformationsprozesse nie den Blick auf den diktatorischen Rahmen bis 1989 aus den Augen verloren hat. Die Ausstellung »brüche. DRESDEN | 1989 | DRESDEN« hat wichtige Aspekte der Dresdner Stadtgeschichte sowie deren widersprüchliche Deutung nach 1989 herausgearbeitet. Die komplexe und differenzierende Darstellung ihrer Inhalte, die individuelles Erleben ebenso erfasst hat wie seine politischhistorischen Rahmenbedingungen, lässt sich im eingangs beschriebenen Kontext wohl jenem »Arrangementgedächtnis « zuordnen, in dem »1989« für einen Aufbruch der Bürger zur Freiheit steht. Die Ausstellung hat dabei keinesfalls beansprucht, den Besucherinnen und Besuchern eine Deutung der Geschichte vorzugeben.
Literatur: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009. Martin Sabrow (Hrsg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009.
Sebastian Richter, geb. 1976, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der TU Dresden. Er betreute das Dresdner Team als Mentor.
- Himmelweit gleich? - Europa ´89
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