Die Ausstellung »brüche. DRESDEN | 1989 | DRESDEN «
Für das Dresdner Himmelweit-Team war das Jahr 2009 intensiv und erfolgreich. Die Themen der Ausstellung »brüche. DRESDEN | 1989 | DRESDEN« wurden von fünf jungen Studierenden aus ihrer heutigen Lebens- und Erfahrungswelt heraus entwickelt und – nach inhaltlicher sowie technischer Beratung – auf bemerkenswerte Weise umgesetzt. Die Studierenden haben gezeigt, dass die Beschäftigung mit der für sie biographisch nicht mehr zugänglichen Zäsur des Jahres 1989 zu einem echten Wurzelnschlagen in der Vergangenheit führen kann.
»brüche« hat nach den mit dem Jahr 1989 verknüpften Auf- und Umbrüchen, aber auch den Ab- und Zusammenbrüchen in der Dresdner Stadtgesellschaft gefragt. Die Ausstellung handelte auch vom Jahr 1989 selbst, thematisierte jedoch die Transformationsprozesse in Dresden von den 1980er Jahren bis 2009. Sie hat anhand von vier Themen die Veränderungen und Kontinuitäten im städtischen Leben herausgearbeitet. Deren jeweilige Darstellung folgte chronologisch den drei Phasen vor, während und nach 1989. Es entstanden Längsschnitte, mit denen sich die mit dem Jahr 1989 verbundenen Veränderungen im politischgesellschaftlichen wie auch im persönlichen Dresdner Alltag zeigen ließen. »brüche« ging damit über die in der öffentlichen Erinnerung 2009 gängige Konzentration auf die Herrschafts- und Widerstandsgeschichte der DDR hinaus, ohne den Blick auf den Lebensalltag der Menschen vor 1989 zu verklären.
Ein Längsschnitt behandelte die Entwicklung Dresdens vom ehemaligen »Tal der Ahnungslosen« hin zu einem Ort in der pluralistischen Medienwelt. »Information in Formation« inszenierte die Stellung des Einzelnen im Medienumfeld Dresdens über die Zäsur von 1989 hinweg und behielt die deutsch-deutsche »asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte« (Christoph Kleßmann) im Auge. Ein zweiter Abschnitt verglich die politisch-symbolischen Funktionen von Demonstrationen in Dresden und betrachtete die Formen ihrer Inszenierung. Immerhin hatte die Kombination von Massenprotest und Dialog in Dresden wesentlich zum friedlichen Sturz der SED-Diktatur im Herbst 1989 beigetragen. »Wem gehört die Straße?« zeigte Demonstrationen und ihre Wirkungen in der DDR, in der friedlichen Revolution und in der pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart. Ein dritter Teil zeigte Rahmenbedingungen und Formen zivilgesellschaftlichen Engagements in der Dresdner Äußeren Neustadt. Dem Stadtteil hatten 1989 der Abriss und ein Wiederaufbau in Plattenbauweise gedroht. »Laßt die alten Häuser stehen – Aufbruch und Umbruch in der Äußeren Neustadt« warf Schlaglichter auf Beharrung und Wandel im bis heute zwischen positiven und negativen Zuschreibungen oszillierenden Szene-Viertel. Ein vierter Abschnitt widmete sich der bislang unterbelichteten Geschichte jener Dresdnerinnen und Dresdner, die vor 1989 als sogenannte ausländische Vertragsarbeitskräfte in die DDR gekommen waren. Hatte bereits die deutsche Bevölkerung im Zuge des politischen und wirtschaftlich-sozialen Umbruchs 1989/90 mit den neuen Lebensbedingungen zu kämpfen gehabt, war diese Zeit für die ohne feste Arbeitsstelle nicht zum Verbleib in Deutschland berechtigten ehemaligen Vertragsarbeitskräfte erst recht schwierig. »Da zu bleiben war eine mutige Entscheidung!« befasst sich mit der Lebensgeschichte einiger dieser Menschen, die heute Bürgerinnen und Bürger der Stadt Dresden geworden sind.
Allen Längsschnitten war gemeinsam, dass sie in der Phase nach 1989 als die Eröffnung eines neuen Möglichkeitsraumes dargestellt wurden. Dieser wies zugleich auf jene Probleme hin, die als Kehrseite der Freiheit sowie der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen Einzug gehalten haben. »1989« war auch deren Geburtshelfer. Die Auflösung vertrauter Sozialmilieus, das Scheitern urbaner Selbstverwaltungskonzepte, die Frage nach Einflusschancen des Einzelnen in der Politik und nicht zuletzt die traurigen Höhepunkte rechtsradikaler Gewalt sind Aspekte der Transformation von Dresdens Stadtgesellschaft, die anzupacken bleiben. Das Beharren auf individuellen Handlungsspielräumen und ihre aktive Nutzung sind Botschaften, die den Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern, vor allem den jüngeren, lebensnah vermittelt wurden.
»brüche« zeigte Ausschnitte aus den Ausstellungen in Prag, Wrocław und Bratislava. Diese boten Anhaltspunkte für Vergleiche, etwa hinsichtlich der Formen politischen Protests in Dresden und Wrocław vor, während sowie nach 1989. Sie haben die Aufeinanderbezogenheit der Ereignisse im mittel- und ostmitteleuropäischen Kontext von 1989 betont: Indem sich die Prager Ausstellung den DDR-Flüchtlingen in der bundesdeutschen Botschaft in Prag im Sommer 1989 widmete, hat sie die Vorgeschichte der in »brüche« betrachteten gewaltsamen Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof und den Beginn des friedlichen Dialogs zwischen Demonstrierenden und Machthabern in Dresden gezeigt. Die wichtigste Gemeinsamkeit der Dresdner Ausstellung mit jenen in den anderen Städten bestand freilich darin, dass sie im neugierigen und freundschaftlichen Austausch zwischen jungen Menschen über Grenzen hinweg erstellt worden ist.
Die Ausstellungsarchitektur wurde von Ruairí O’Brien entworfen. Ihm gelang es, das Konzept des historischen Längsschnitts in die individuellen Ausstellungskörper zu übersetzen und zugleich ihre multi-mediale Präsentation mit Foto-, Video-, Audio- und Textmaterialien zu integrieren. Er hat eine eigene Installation gebaut, die eine künstlerische Sicht auf die Ereignisse von 1989 ermöglicht. Alle vier Themen wurden in Abendveranstaltungen mit in- und ausländischen Gästen vertieft.
»brüche« war vom 3.10. bis 13.11.2009 in der St. Petersburger Straße 18 zu sehen und wurde erneut vom 15.2. bis 2.6.2010 in der Gedenkstätte Bautzner Straße, der ehemaligen Dresdner Stasi-Untersuchungshaftanstalt, gezeigt, einem Ort, an dem die Themen der Exposition in einen besonderen Dialog mit dem Ausstellungsumfeld traten.
Sebastian Richter