Memory kontrol 1989/2009 - Fragen an die Erinnerung
Die revolutionären gesellschaftlichen Veränderungen des Jahres 1989 wurden in der Tschechoslowakei von den Hochschulstudenten initiiert. Das akademische Umfeld war das Zentrum der Revolution, und für einen Augenblick in der Geschichte nahm es die Rolle einer gesellschaftlichen Avantgarde ein. Obwohl dringend notwendig, kam es jedoch nach der Revolution im Bereich der Hochschulen zu keinen umfassenderen Reformen. Ist ein vollständiger Wandel des bis 1989 ideologisch hoch aufgeladenen akademischen Umfeldes nach zwanzig Jahren überhaupt schon denkbar?
Kritiker der slowakischen Hochschullandschaft sprechen im Hinblick auf den Zustand des akademischen Bereiches heute ausdrücklich von einer «Kultur des Zynismus», von «lokaler Mafia» und «dunklen Strukturen in der Tradition vor November 1989». Sind solche Ansichten und Vorwürfe zutreffend bzw. berechtigt, und wenn nicht, warum nicht? Um einen möglichen Wandel der heutigen slowakischen - als Teil der ehemals tschechoslowakischen - Universitätslandschaft erfassen und analysieren zu können, müssen folgende Fragen gestellt werden:
Für die Zeit vor 1989
Welche Arbeitsbedingungen schuf die totalitäre Ideologie an den Hochschulen, und zu welchen Zuständen führte dies? Wie funktionierte die ideologische Kontrolle in den Universitäten? Welches waren ihre Machtmechanismen? In welcher Weise veränderten diese das Leben der Menschen?
Für das Jahr 1989
Wie wirkte sich die Politisierung des akademischen Umfeldes während der revolutionären Ereignisse im November 1989 aus? Was waren die Hintergründe der mit dem politischen Umbruch 1989 verknüpften Veränderungen in der Besetzung des Lehrkörpers?
Für die Zeit nach 1989
Was hat sich an den Universitäten wirklich verändert? Welche Themen und Ereignisse aus der Zeit vor 1989 sind bis heute tabuisiert und warum?
Diese Fragen richteten wir im Rahmen unserer Untersuchung an Akteure, die in den - in der Zeit des totalitären Regimes vor 1989 - ideologisch stark exponierten Hochschulen in Bratislava tätig waren und sind: an ehemalige und aktuelle Dozenten und Studenten des Soziologischen Seminars an der Philosophischen Fakultät sowie der Abteilungen für Architektur und Skulptur an der Kunsthochschule.
Ihre Antworten führen unter anderem zu der Erkenntnis, dass wir uns als nachträgliche Betrachter bei der Untersuchung der Zeit vor und nach 1989 nicht allein auf der Ebene allgemeiner Beobachtungen und anonym darstellbarer Geschehnisse bewegen dürfen. Wir liefen so zum Beispiel Gefahr, den Lügen des alten Regimes zu erliegen.
Es ist an der Zeit, die Geschichten jener Menschen zu rekonstruieren und zu vermitteln, die sich an den Herausforderungen der damaligen Zeit stellten, jener Akteure, die sich eine eigene Meinung bildeten und sich im Alltag nicht von «den Verhältnissen» oder dem Streben nach «den kleinen Vorteilen» leiten ließen.
Alle «großen» gesellschaftspolitischen Ideen müssen in eine Alltagsrealität umgesetzt werden. Dieser Prozess besteht in aller Regel aus kleinen Schritten und kleinen Geschichten - aus eben jenen nur scheinbar bedeutungslosen Fragmenten, die uns die Erinnerung all dieser Akteure bereit stellt.
In Albanien pflegt man im Zusammenhang mit der Erinnerung zu sagen: «Willst du eine, bekommst du für gewöhnlich zwei» - oder mehr. Es zeigt sich, dass es in dem von uns untersuchten Bereich des universitären Umfeldes in der Slowakei mehr Erinnerungen an die nahe Vergangenheit gibt, als wir aufzunehmen fähig - oder bereit - sind. Viele geben sich auch bereits keine Mühe mehr, sie abzurufen.
Die Erinnerungen sind frei - vergessen zu werden.
Fedor Blaščák (34) ist Philosoph und freischaffender Kurator. Er lebt in Bratislava, Slowakei. 2007 Gründete er die Initiative Memory kontrol. Er publiziert in verschiedenen einheimischen wie internationalen Periodika (Filozofia, Anthropos, Vlna, Profil, Designum, Transforming 68/89) zu Philosophie, Geschichte, Kunst und Architektur. Er war der Kurator von den verschiedenen Ausstellungen Slowakischer zeitgenössischer Kunst in der Slowakei und im Ausland und Mentor des Teams in Bratislava.